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Ute Voigt
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Lebenslauf

Schon als Kind und in der Jugend fotografierte ich gerne. Neben dem Malen und der Musik, die mein Leben während der Schule in Hamburg und in der Freizeit in hohem Maße bestimmten, machte ich Fotos auf Spaziergängen. Das Fotofieber erwischte mich in Griechenland unterwegs mit einer Jugendgruppe der evangelischen Kirchengemeinde Barmbek bei einer abenteuerlichen Zeltreise auf den griechischen Inseln. Niemand hatte den Fall bedacht, dass der Film in der kleinen Agfa ein Ende finden könnte. Mein Abitur machte ich mit einer schriftlichen und mündlichen Prüfung in Musik und Kunst an einem fortschrittlichen Hamburger Gymnasium.

Sehr wertvoll sind mir bis heute die Themen und Methoden aus meinem Geschichtsstudium in Kiel, die ich, wie auch meine StudienkollegInnen nicht nur in Vorlesungen und

Seminaren, sondern auch in Projekten zur Nachkriegs- geschichte im Rahmen der Fachschaftsarbeit, erweiterte. Privat und im Studium war ich nach wie vor mit meinen SchulfreundInnen verbunden, dazu kamen neue StudienfreundInnen. Aus diesem Zusammenhang heraus verbrachte ich ein Jahr in Lyon in Frankreich und lernte das Leben dort, die Menschen und die Sprache kennen.

Wir wohnten in der Wohnung einer französischen Freundin. Ich lebte, wie auch meine FreundInnen, auf der Spitze des historischen Stadtteils Croix-Rousse, nach Süden gelegen, in einem steinernen Haus aus der Zeit vor der industriellen Revolution, als am ganzen Hang das Weberhandwerk betrieben wurde. Von dort aus lernten wir nicht nur Frankreich kennen, sondern wir bereiteten jeder auch unsere Zukunft vor. Meine ersten französischen Wörter lernte ich am Frühstückstisch und im Putzteam einer Büro-Reinigungsfirma nach Feierabend, später ging ich zum Sprachkurs ins Studienkolleg.

Von den im Studium gelernten Aneignungssystematiken konnten ich und meine Studienkollegen in meinem folgenden Studium am ingenieurswissenschaftlichen Zentrum der Fachhochschule Köln profitieren. Durch systematische Bibliografie z.B. habe ich Projekte zur Vorbereitung meiner Diplomarbeit auf universitäre Veröffentlichungen und praktischen Erfahrungsaustausch mit Projektgruppen an Universitätsinstituten zu ähnlichen Themen ausgedehnt. Meine Diplomarbeit hatte eine lichtoptische Moirefotografie zur berührungsfreien Vermessung der Tiefenkonturen von Körperoberflächen zum Thema.

Das Studium zur Fotoingenieurin vermittelte Wissen und Praxis zu vielen Seiten der Fotografie. Wenn ich sie auf- zähle, liest es sich wie eine Reihe Perlen einer Kette. Wir produzierten eine Diaschau zum Thema „Warum ist es am Rhein so schön“ mit der Vielfalt konkurrierender Interpre- tationen, die vom Umweltschutz bis zum Tourismus reichten, wir drehten einen Film über die alte Wachsfabrik als neu entstehendes Kulturzentrum, wobei wir in einer Arbeits-

gruppe mit 16 mm Arriflex und Nagra eine klassische Ausrüstung hatten und ließen unseren Sichtweisen freien Lauf, geführt von unserem eigenen Drehbuch. Der Film war sowohl Dokumentation, als auch spannender Wechsel zwischen z.B. Interview und spielerischer Montage. Außerhalb des Lehrplans machte ich zusammen mit einem Kommilitonen eine Bildreportage über die Nato-Frühjahrs- tagung in Brüssel, zu der wir uns akkreditierten. Wir stellten eine Bildpräsentation aus der Pressekonferenz im Fach- bereich aus, die großen Zuspruch fand. Eine klassische Bildreportage erarbeiteten wir zum damals noch bestehen- den Hamburger Fischereihafen und Fischmarkt.

Neben den Hauptfächern Physikalische Optik, Chemie, Mathematik, Bildgestaltung, Film- und Fernsehtechnik, Reproduktions- und Drucktechnik, Farbverarbeitung, Marke- ting und Recht boten sich viele praktische Projekte und Vorlesungen zu fotografischen Themen, wie praktischer Hochgeschwindigkeitsfotografie, Röntgenfotografie, Hologra- fie, Mikroskopie, Anwendung fotografischer Verfahren und

vieles mehr. Auf der anderen Seite wurde der grundsätzliche Zusammenhang von Fotografie und Gesellschaft vom Fach- bereich fast völlig vernachlässigt, worüber einige zaghafte Versuche, wie eine allerdings gute Vorlesung zur Film- dramaturgie nicht hinwegtäuschen konnten.

10 folgende Jahre in der Optikentwicklung der Firma Leica arbeitete ich angestellt, später freiberuflich, in engem Kontakt zu den Anwendern an der speziellen firmeneigenen Optiksoftware und erlebte während dieser Zeit auch die verschiedenen Kapitel der Firmenteilungen und Verkäufe, wobei zum wirtschaftlichen Überleben und Erfolg der Firmen die persönliche jeweils fortgeschriebene übergreifende Zusammenarbeit entscheidend war.

Parallel dazu fotografierte ich neben- und freiberuflich und meine Fotografie fand gute Plätze in den Stadtmagazinen, Zeitungen, Büchern, Ausstellungen, Projekten und in überregionalen Publikationen. Fotos entstanden nicht nur in Hessen, sondern auch auf Auslandsreisen nach Frankreich, Spanien und Marokko. 1993 gründete ich die Agentur

direktfoto, die von Anfang an engagierte und politische Projekte definiert und umgesetzt hat. Gerade die regionalen Verhältnisse mit ihren typischen Gegebenheiten und eigenen Geschichten sind die persönliche und gesellschaftliche Wirklichkeit der Menschen. Ergebnisse politischer Beschlüsse finden sich hier wieder. Nicht nur in Mittelhessen, an jedem Ort lassen sich kontroverse, aber auch konstruktive Ausein- andersetzungen anregen und führen. Die Themen und Projekte von direktfoto haben diesen Anspruch von Anfang an eingelöst und werden weiterhin und verstärkt gesell- schaftspolitische Themen in ihren konkreten Gegebenheiten aufgreifen und in der Auseinandersetzung zu den Fotos machen, die Auskunft geben, die sichtbar machen, die Ideen geben und die selbst Anteil nehmen an unserer gesellschaft- lichen Wirklichkeit. Sie sind ein starkes Angebot an Verlage und Redaktionen.

In allen Phasen habe ich die Zusammenarbeit mit Frauen schätzen gelernt und habe erlebt, wie ein Arbeiten mit Frei- heit und Freude auch die Effektivität immer gesteigert hat.

Mein Vorbild ist Alice Schwarzer, die den Feminismus in Deutschland stark gemacht hat. Sie hat allen voran die Rechte und die Position der Frauen in allen gesellschaftlichen Zusammenhängen maßgeblich befördert. Sie stößt immer wieder Kampagnen zu den schwierigsten Themen an und hat mit Veröffentlichungen, mit Effizienz, inhaltlicher Pointierung, Genauigkeit und harter Auseinandersetzung, auch gerade mit Männern, die Bedingungen und die Wirklichkeit für Frauen in der Bundesrepublik verbessert. Außerdem ist sie, und das begeistert mich besonders, mit all ihren Aktivitäten und Veröffentlichungen, mit ihrem Unternehmen mit wirt- schaftlichem und gesellschaftlichem Erfolg ermutigend für jeden anderen und absolut anregend zur Entfaltung eigener Unternehmen und sie bietet gleichzeitig ein lebendiges Beispiel für ein Zusammenleben und Arbeiten zwischen Frauen und Männern auf gleicher Augenhöhe.

Der Feminismus, in Deutschland stark und erfolgreich, ist die beste Grundlage zu einer konzeptionell und praktisch fortschrittlichen Gestaltung eigener Arbeitsweisen und

professioneller Projekte und Produkte.

Ich sehe mich schon jetzt als Feministin und will mich noch viel weiter für die Frauen einsetzen, für Gleichberechtigung ganz besonders auch in jeder Form der Zusammenarbeit und des Zusammenlebens, in der täglichen Umgebung ge- nauso wie in der ganzen Gesellschaft. Die Agentur direktfoto wird von Frauen gestaltet werden und sie greift alle Themen auf, in der direkten Auseinandersetzung mit den Menschen, mit den Gegebenheiten, an den entsprechenden Orten. Direktfoto wird sich nicht scheuen auch unbequeme Stand- punkte zu beziehen und schwierige Themen anzupacken.

Die Fotografie hat eine derartig große Bedeutung, dass sie endlich auch als aufklärerisches Mittel der Auseinanderset- zung begriffen werden muss. Wir können die Fotografie nicht den ästhetisierten Werbebildern überlassen. Direktfoto wird mit Inhalten und Formen, mit sichtbar Machen und Ästhetik die Fotografie immer wieder neu erfinden und wird mit dem größten Wert der Fotografie, der Abstraktion, die sie wie

kein anderes Medium bietet, und über die Abstraktion immer auf´s Neue eine spannende Auseinandersetzung ins Leben rufen. Auf diese Weise kann eine angemessene Beschäfti- gung mit der Fotografie allen, besonders aber auch jungen Menschen, geboten werden. Sie lernen Fotografien kritisch zu beurteilen, selbst zu fotografieren und ihre eigenen Fotos wiederum zu betrachten und zu verändern. Alle Aspekte, die die Fotografie mit ihrem hohen Grad an Abstraktion zeigt, sind äußerst kommunikativ, Betrachtung, Erkenntnis, Genuss, Auseinandersetzung, Anteilnahme. Jedes Foto ist neu und einzigartig und so werden Fotos auch schon seit Jahrhunderten wahrgenommen. Der Erkenntnisgewinn jedes Fotos regt überall und direkt zur Auseinandersetzung an und führt zu dem Wunsch selbst zu fotografieren und selbst Anteil zu nehmen.

Der Gesellschaft prägende Wert der Fotografie liegt bisher vor allem in der Einsetzbarkeit für die Bildung ästhetischer Werte und Vorbilder. Natürlich geht es um die Gesellschaft als Ganzes und das Zusammenleben aller Menschen. Gerade

dafür werden immer wieder die Frauen zur Projektionsfläche männlicher Vorstellungen. Männer halten die Hand auf den Hebeln der Macht. In den oberen Chef- und Manageretagen wird die Luft für Frauen dünn, sie sind dort kaum noch anzutreffen und wenn eine Frau sich dorthin verliert, erfüllt sie in der Regel eine vorgegebene Rolle. Die Medien sind eine wichtige Schaltzentrale zur Prägung gesellschaftlicher Vorstellungen und werden von Männern dominiert.

"Mein Bauch gehört mir", ein Satz von Alice Schwarzer anlässlich ihrer Aktionen von 1971 gegen den § 218 und für das Recht von Frauen auf selbstbestimmten Schwanger- schaftsabbruch, spricht eine einfache Tatsache aus, die man in einer wirklich verantwortlich handelnden Gesellschaft leben kann. Es ist durch die damaligen Aktionen bis heute sehr viel erreicht worden und der § 218 wurde verändert. Wir müssen heute daran anknüpfen und die Entscheidung über Abtreibung oder Austragen ganz den betroffenen Frauen überlassen und sie dabei mit den Möglichkeiten zur Beratung auch über die Wahl der neuesten und besten medi-

zinischen Methoden unterstützen. Solange Frauen zur Beratung gezwungen sind, kann von einer wirklichen Gleichberechtigung nicht gesprochen werden.

Wenn Frauen von Plakatwänden und aus Bildschirmen blicken, auf Titelbildern und Werbeseiten prangen, so sehen wir Posen für Männerblicke. Das Internet eröffnet Märkte zum Frauenhandel und zum Sexkonsum, deren Ausmaß von Hardcore Pornografie bis Inzest wir erst erahnen, junge Popstars werden medial verheizt und in männliche Abhän- gigkeit gezwungen.

Frauen, junge Frauen, erscheinen privat oder in der Öffent- lichkeit in Deutschland heute stark und selbständig und ha- ben mehr Möglichkeiten als früher. Andererseits werden z.B. öffentlich nach wie vor besonders junge Frauen von Männern in deren Abhängigkeit gebracht und bevormundet. Wie werden Frauen heute behandelt, wenn sie z.B. bereits jung Popstars geworden sind? Sie werden eventuell sogenannten Freunden und Managern ausgeliefert sein, was eine persön-

liche Entwicklung und Auseinandersetzung mit ihrer Rolle nach ihren eigenen Vorstellungen verhindert und sie umso mehr in die männliche Abhängigkeit drückt. Wollen wir heute eine junge Frau in denselben Tod schicken, in den damals Marilyn Monroe getrieben wurde? Was unterscheidet die Geschichte Britney Spears, wie sie heute passiert, von der Marilyn Monroes? Bevormundung und Einvernahme durch Männer, Verletzung einer Frau durch Medien in Männerhand, so hat ein deutsches Männermagazin eine junge amerikani- sche Sängerin entwürdigt, sich über sie lustig gemacht und sie dann fallen gelassen. In welcher deutschen Schule haben diese Männer das gelernt? Welche Befriedigung verschafft es ihnen? Amerikanische Männer, Freunde, Manager, werden sich ihrer annehmen und ihr diktieren, was sie zu tun hat, damit sie ihr helfen; und sie wollen sich ihrer annehmen. Sie werden der ganzen Welt zeigen, wie sehr und einfühlsam sie sich um diese Frau bemühen, und dass doch sie es ist, die nicht will. Die Geschichte einer öffentlich exerzierten Unter- werfung einer Frau, in diesem Jahr, am internationalen Frauentag, dem 8.März 2007 in den Medien zu lesen.

Es gibt weltweit ein Medien-Magazin von Bedeutung in Frauenhand, das deutsche Magazin EMMA, das es in dieser Unabhängigkeit gibt, weil eine Frau, Alice Schwarzer, diese Zeitschrift aus ihrem Frauenverlag heraus unabhängig verlegt und leitet. Sie hatte auch 1971 schon den Aktionen zum § 218 von Anfang an durch starke Präsentation in Presse und Fernsehen zu großer Macht und Erfolg und zu weitreichender Anteilnahme verholfen. EMMA ist eine Stimme der Frauen die immer spannend und informativ ihresgleichen sucht.

Alice Schwarzer, eine sehr schöne, sehr weibliche Frau mit einem bahnbrechenden Witz, der in Deutschland jeder, und sei es im letzten Satz, irgendwie verfallen ist, anders gesagt, eine grundsätzlich starke Sympathie, man möchte sagen Liebe bekundet, die oberflächlich betrachtet fast unerklärlich erscheint, bietet auf der anderen Seite immer eine scharfe, sichere Analyse unserer Zeit. Sie ist eine führende Denkerin unserer Zeit.

Sie hat eine ungeheure ästhetische Ausdruckskraft, mit der sie in ihrer Autonomie und Macht und auch in ihrer Selbst- darstellung hoch attraktiv ist und ganz unabhängig bleibt z.B. von vorgegebenen Rollen oder von Konkurrenzver- halten.

Sie ist ein außerordentlich starkes weibliches Role-Model und Vorbild für viele junge Frauen. Für alle Themen, für die Medien, als Feministin, für Deutschland, als Mensch und für mich ist sie unverzichtbar.

Dagegen sind die Rollenbilder unserer von männlichen Machtstrukturen beherrschten Gesellschaft Bilder der Unter- ordnung von Frauen. Das gilt auch für das Bild von der Würde der Frau, das ein katholischer Bischof heranzieht, um der christlich demokratischen Familienministerin in den Rücken zu fallen, die gerade eine größere Anzahl Kinder- krippenplätze durchsetzt. Die Kirche gibt Frauen das Bild der Würde der Frau als Ersatz für ihren realen Verzicht auf eigene Lebensgestaltung und Beruf.

Die Brisanz der Fotografie zur Prägung der Rollenbilder ist allerdings auch in ihrem aufklärerischen Wesen begründet, das dazu missbraucht wird. Ein Foto, das in der Abstraktion um die Ebene der Zeit sehr schnell begreifbar ist, ist von starker Wirkung und erzeugt immer den Eindruckdes Beweises. Das macht die Beschäftigung mit der Fotografie ebenso faszinierend, wie die gesellschaftliche Bedeutung der Fotografie verständlich. Die Ästhetik wird zur Definition von Verhaltensweisen eingesetzt und die vermeintliche Beweis- kraft täuscht Wirklichkeit vor. Wirksam und subtil entstehen Werte und Verhaltensweisen, an denen sich alle orientieren. Die Notwendigkeit nicht nur zur Kritik, sondern zur Verän- derung gesellschaftlicher Vorstellungen ist augenfällig am dringendsten bezüglich der Rolle der Frau, deren Darstel- lungen und der daraus resultierenden Wirklichkeit.

Schon mit einfachen Betrachtungen lassen sich Fotografien einteilen in informative Bilder und solche, die z.B. in der Werbung für alltägliche Produkte mit Augenwischerei Wunschbilder erzeugen, wodurch die Produkte selbst in ihrer

Eigenart herabgesetzt und unattraktiv gemacht werden. Diese Methode zwingt Frauen in die von Männern definierten Wunschvorstellungen und in eine gleichzeitig entwertete untergeordnete Alltäglichkeit. Es bedarf tatsächlich einer Schule bewussten Sehens, um diese Zusammenhänge einfach aufzuzeigen und damit ihrer simplen, aber starken Wirkungsweise zu entziehen.

Wer muss also gern hingenommene, aber für Frauen unzumutbare Privilegien endlich für wirkliche Partnerschaft aufgeben? Die Männer. Sie müssen die Augen öffnen, den Blick erweitern und Frauen als Partnerinnen ansehen, sie dürfen die Möglichkeiten der Gestaltung fortschrittlichen pri- vaten und gesellschaftlichen Lebens nicht länger ausblenden.

Wenn Frauen den Feminismus ins Leben riefen, aus der Notwendigkeit heraus unsere Lebensverhältnisse zu verbes- sern und Unabhängigkeit und Gestaltungsfreiheit zu errei- chen, so geht es um eine besser funktionierende Gesell- schaft im Ganzen, an jeder Stelle und mit allen Menschen.

Direktfoto, eine Agentur, mit Analyse, Auseinandersetzung und kreativer Gestaltung, wird von ganzem Herzen und mit Tat diese Ziele verfolgen.

Ausgehend von der Diskussion über die Bedeutung der Ästhetik bei direktfoto, sind hier viele der wichtigsten Themen ins Blickfeld geraten und der Zusammenhang wird sichtbar. Die Ästhetik, ein Ausdruck der Machtverhältnisse, gibt Auskunft über die Vielfalt und Freiheit einer Gesellschaft und wird selbst durch diese geprägt. Die Fotografie ist dabei das wichtigste Ausdrucksmittel, eignet sich aber auch zur Analyse der Verhältnisse, zur Information und führt zur Auseinandersetzung und Veränderung. Sie kann jedem eine Motivation und Mittel der Auseinandersetzung und des Erkenntnisgewinns sein und kann zur Verbesserung auch der eigenen Situation beitragen.

Es fehlen Vorbilder, die die Jugend noch beeindrucken können. Reglementierung und Kartondenken, Anpassung und Kritiklosigkeit landauf, landab haben in allen Bereichen des Zusammenlebens zu Vereinzelung und einer dramati-

schen, schleichenden Verarmung menschlicher Kommunika- tion und Kontaktfähigkeit geführt. Man hat längst akzeptiert, dass Verhältnisse nicht änderbar sind und bemüht sich nur noch im eigenen Lebensumfeld möglichst gut dabei zu fahren. Der Rest wird ignoriert oder Seelsorgern überlassen. Restriktive Religionen haben so großen Zulauf wie noch nie, Beratungsstellen zu jedem noch so wichtigen Thema bieten bestenfalls Beschwichtigung, Lösungen zu Problemen scheinen umso ausgeschlossener, je schwieriger die Frage- stellung ist. Ziele und ihre praktische Umsetzung enden viel zu oft in der Verhinderung angemessener Maßnahmen und bleiben in der Inkompetenz überforderter Sachbearbeiter stecken. Kreativität – Fehlanzeige, Gestaltung – verboten, Kraftprotzerei – für Männer Pflicht, Gewaltverherrlichung – nicht nur geduldet, die gesellschaftliche und private Unterordnung der Frauen lässt Problemlösungen nicht zu, von Gestaltung ganz zu schweigen.

Die ersten, die mit voller Brutalität in diese Misere geschleudert werden, sind die Jugendlichen. Spätestens mit dem Aufbrechen der Pubertät geraten sie heute mitten in eine schockierende Verelendung und Verrohung des Umgangs, wie es sie bisher noch nicht gab. Besonders Mädchen sehen sich Erwartungen und Wertmaßstäben ausgesetzt, die von per Handy gefilmter Vergewaltigung auf dem Schulhof zu Rap-Musik bis dahin reichen, dass man ihnen einzureden versucht, Frauen würden so etwas genießen, und sie wären nicht normal, wenn nicht auch sie Vergewaltigung, am besten von mehreren Jungen oder Männern, genießen könnten. Die Filme werden dann im Internet verteilt. Wie viel Geld wird mit solchen Filmen in welchen Kanälen verdient? Die Gesellschaft stellt diese Frage nicht. Sie schaut weg und lässt die jungen Mädchen mit den Folgen solcher Situationen allein.

Es ist nicht neu, dass Sexualität zum Tabu gemacht und in die Grauzone der Gesellschaft geschoben wird, über die man nicht spricht, in der Männer sich dafür aber beliebig aus-

toben dürfen. Dass aber unsere Generationen der Nach- kriegszeit diese Ausnutzung der Sexualität für männliches Machtverhalten nicht zugunsten einer offenen Gesellschaft beendet haben, trifft zu erst die Frauen und auch heute in vollem Ausmaß die Jugend.

Ich kann auch meine persönliche Enttäuschung darüber nicht leugnen, dass wir Kinder der 50er Jahre, hineingeboren in eine Zeit der Befreiung und des Aufbaus, auf vielfältige Weise von Anfang an heftig mit einer uns völlig unbekann- ten, unverständlichen Vergangenheit konfrontiert wurden, deren unverarbeitete Folgen man uns buchstäblich direkt in die Wiege gelegt hat. Die Zeichen standen auf Wiederaufbau und Verdrängung. Die Verhältnisse waren zerrissen. Nicht einmal unseren Eltern, die damals die Jugend waren, war es möglich eine konstruktive Auseinandersetzung zu führen.

Um die Vergangenheit nicht nur zu bewältigen, sondern natürlich auch die Zukunft zu gestalten, hätte ein Dialog ganz besonders zwischen den verschiedenen Lagern, die

nicht nationalsozialistisch orientiert gewesen waren, notwendigerweise stattfinden müssen. Nur so hätte von vornherein die zielgerichtete Auseinandersetzung mit dem auch überall verbliebenen Schicksal des Faschismus in Deutschland geführt werden können.

Von heute aus betrachtet muss man sagen, dass die damali- gen Jugendlichen damit überfordert waren. Sie hätten schließlich zunächst ihre eigenen Positionen klären müssen, um überhaupt eine positive Debatte eröffnen zu können, und das im Angesicht der Verantwortung, die Gewalttätigkeit des Faschismus für die Zukunft auszuschließen. Tatsächlich kam die Demokratie in Deutschland bis heute nicht über ein mehr oder weniger eloquentes gegeneinander Abgrenzen unbe- weglicher Standpunkte hinaus. Die Selbstgefälligkeit mit der jede Diskussion in verbalen Punktsiegen und Herabsetzung des Gegners in lähmender Stagnation verlief, zeigt die Unfähigkeit der Nachkriegsgenerationen eine Gesellschaft neu und positiv zu gestalten. Jeder hielt an seinem Stand- punkt fest. Die Frage nach den Ursachen des Faschismus

unterblieb. Was aus den Geschichten der Identifikation mit dem Nationalsozialismus, den damit verbundenen Machtstrukturen und der Gewalt wurde, interessierte niemanden und wurde ignoriert.

Platzhirsche waren die Intellektuellen der Nachkriegszeit, die schon um ihrer selbst willen jede Diskussion ablehnten, die nicht ausdrücklich in ihrem Interesse lag. Privatsphäre und Familie wurden, natürlich auch als Möglichkeit zum Rückzug, groß geschrieben. Eine ernsthafte Auseinander- setzung mit der Vergangenheit hätte für jeden einzelnen und auch in der Untersuchung der geschichtlichen Zusammenhänge, die in den Faschismus geführt hatten, unbequeme Fragen aufgeworfen. Die Fragen der folgenden Jugendgeneration prallten gegen Mauern zum Selbstzweck gewordener Selbstbehauptung. Das Scheitern der Jugendbewegung war vorprogrammiert.

Die 68er Jugend drückte zunächst ihre Forderungen nach Mitgestaltung einer offenen Gesellschaft aus und versuchte diese auch umzusetzen. Sie stieß auf Ablehnung der Älteren,

die sich konsequent mit einfachen Argumenten abschotteten. Das meist verwendete unverantwortliche Argument war sinngemäß: Warum sollt ihr es leichter haben als wir?

Das Schockierende dieser Einstellung ist nicht nur die Verhinderung eines Gesprächs, das mehr als nur eine Demonstration der Abgrenzung als Ergebnis gehabt hätte, sondern auch die dadurch bedingte Tolerierung des weiter unausgesprochen existierenden Faschismus. Man hoffte selbst möglichst gut durchzukommen und pflegte Durchsetzungsverhalten. Diese egoistische, ignorante und belastende Haltung besteht bis heute fort. Die Jugend ließ man abprallen, den Faschismus ließ man im Verborgenen. Die Jugend radikalisierte sich oder ordnete sich unter, mit einer Ausnahme.

Alice Schwarzer setzte in Deutschland die Bewegung des Feminismus mit dem Ziel der Gleichberechtigung der Frauen und der Freiheit der Lebensführung in Gang. Alice Schwarzer begann schon 1971 mit der § 218 Aktion ganz gezielte Forderungen zu stellen und nutzte alle gesellschaftlichen Möglichkeiten, diese auch zu verwirklichen.

Der Gesetzesänderung gingen heftige Demonstrationen voraus, ein starker Medieneinsatz mit Kampagnen und Berichterstattung durch Presse und Fernsehen erzeugte große Resonanz und Unterstützung. Es war also möglich Fortschritte zu erzielen. Alice Schwarzer hat bis heute nie damit aufgehört. Sie weist immer wieder auf die Probleme hin, die am notwendigsten zu lösen sind und sie erzielt immer mehr Fortschritte. Die heftigen Kontroversen, die sie auslöst, sind überhaupt immer erst der Beginn einer gesell- schaftlichen Debatte, besonders heute.

Ganz aktuell ist die Kampagne zur Bedeutung und Wirklichkeit der Pornografie und Prostitution für Frauen.
Die Kampagne greift mitten ins Zentrum gesellschaftlicher

Vorstellungen von Erotik und Freiheit des Lebens, dem empfindlichsten Tabu. Sie betrifft einen der wichtigsten Lebensbereiche, in dem sich bestehende Machtverhältnisse niederschlagen, die Prostitution.

Unsere Gesellschaft ignoriert Probleme und Notlagen von Menschen oder redet sie schön, um sich eine Freiheit zu gönnen, die zwar immer wieder als libertär und deshalb attraktiv bezeichnet wird, bei näherer Betrachtung aber immer reizloser wird. Sie besteht aus Rollenvorstellungen des 19. Jahrhunderts, in denen eine Frau entweder abhäng- gige Hausfrau oder unabhängige Hure ist. Beide Rollen haben nicht zu einer befriedigenden Lebensgestaltung geführt und lösen bis heute gesellschaftlich die größten Probleme aus. Es muss statt dessen der Freiheitsbegriff geändert werden.

Alice Schwarzer tut dies seit jeher. Frauen brauchen Aus- drucksmöglichkeiten frei von zugewiesenen Rollen.

Man könnte Alice Schwarzer auch als Philosophin der Aufklärung bezeichnen. In ihrer Philosophie steht Freiheit für Kreativität und Gestaltung und sie fordert eine Praxis, in der Probleme nur dazu da sind, gelöst zu werden. Die Auswir- kungen ihrer Kampagnen zeigen immer auch die Dringlich- keit der Auseinandersetzung, die sonst keiner zu beginnen wagt. Sie gibt auf Fragen, die man nicht zu stellen wagt, Antworten. Sie hat selbst wirkungsvolle Mittel geschaffen, um sich ausdrücken zu können, und gibt damit allen Frauen die Möglichkeit dazu. Mit ihrer Zeitschrift EMMA und mit EMMA-online haben Frauen im entscheidend wichtigen Medienmarkt der Meinungsbildung und im immer wichtiger werdenden Internet eine eigene unabhängige Stimme. Live sind ihre Veranstaltungen total spannend und oft mit Diskussion.

Alice Schwarzer ist die einzige Kraft, der es tatsächlich gelingt, Gesellschaft zu verändern. Von den Fortschritten in der Gleichberechtigung der Frauen, die sie schon in den 70er Jahren erreicht hat, profitieren wir schon lange.

Was Alice Schwarzer von Anfang an erreicht, steht beispiellos neben den erfolglosen Modellen der 68er Jugend- bewegung. Diese blieb außerhalb der Gesellschaft und kopierte in ihrer eigenen Kommunikation gewaltbereite Strukturen, die nicht geeignet waren konstruktiv verändernd in die Gesellschaft einzugreifen oder sich mit eigener Autorität durchzusetzen.

Wir begegneten den Folgen davon auf schockierende Weise in der Schule. Ich erlebte ein überwiegend junges Lehrerkollegium aus der 68er Generation, das nicht in der Lage war, eine faschistoide stellvertretende Direktorin daran zu hindern, nach fünf stündiger Konferenz zu diesem Fall eine Mitschülerin mit einer disziplinatorischen 6 von der Schule zu werfen. Ein einziger Lehrer hat mit Bedauern uns Schülern gegenüber darüber gesprochen.

Ich selbst habe weitreichende Projekte eigener Lebens- vorstellungen mit Schul-, Studien- und ArbeitskollegInnen gestaltet. Obwohl meine Generation in der Entwicklung eigener Konzepte zwar sehr kreativ war, waren wir in deren Verwirklichung verunsichert, bisweilen gebrochen. Eine Identifikation mit der Jugendbewegung von 1968 fand schon nicht mehr statt. Freiräume nutzten wir zu eigenen, auch kulturellen Projekten. Die Vorstellung von der Möglichkeit gesellschaftlicher Veränderung blieben wir schuldig. Allerdings füllten wir die vorhandenen Möglichkeiten mit Leben und erweiterten die Grenzen. Problembereiche ließen auch wir weitgehend im Abseits.

Direktfoto bietet jungen Frauen oder auch älteren Frauen Möglichkeiten, sich mit ihrer Umgebung zu beschäftigen, allgemeine Themen zu entdecken und mit medialen Mitteln die Darstellung und Bewertung zu lernen. Mit den Möglichkeiten der Präsentation und Diskussion stellt das Internet eine weitreichende Plattform der Auseinander- setzung dar, weit über die eigene Umgebung hinaus.

Die Agentur direktfoto betritt den vernachlässigten Weg, die Fotografie nicht auf ihre Macht der Gestaltung zu reduzieren, sondern sie ebenso als gesellschaftliches, aufklärerisches Mittel einzusetzen.

Das grundsätzlich einfache Verfahren der Fotografie, das durch alle Zeiten hindurch in seinem reproduzierenden Charakter durch wenige technische Parameter bestimmt wird, die Festlegung der Lichtmenge zur Abbildung durch Blende und Zeit, ist eine automatische Übertragung des Gesehenen auf Film oder Chip. Dass Fotografie sofort auch Gestaltung ist, liegt in ihrer Abstraktion auf ein zweidimen- sionales Betrachtungsfeld und den festgelegten Moment. Dazu kommt die gestaltende Qualität der Übertragungs- parameter. Dieser im Wesentlichen recht überschaubare Rahmen an Faktoren macht die Fotografie zum Mittel schlechthin der Beschäftigung und Auseinandersetzung mit ästhetischen Wertvorstellungen und den damit verbundenen Verhältnissen.

Die Fotografie steht im Spannungsfeld von Popularität, einfacher Handhabung, Kunst und Teilhabe und wird von allen Menschen sehr geschätzt. Was liegt näher als sie als Werkzeug zur Erarbeitung von Themen und einer Meinungs- bildung darüber, zur Bildung eigener ästhetischer Vorstel- lungen, zur Kommunikation und zur Präsentation zu erschließen. Die mediale Mitteilung mittels journalistischer und künstlerischer Ausdrucksformen regt die Auseinander- setzung an. Das Wechselspiel von Fotografie und anderen Darstellungsformen, wie Video und Ton zeigt die Bedeu- tung der verschiedenen Medien auf spannende Weise auf. Über die Vermarktung der entstehenden Ergebnisse durch die Agentur entsteht direkt eine gesellschaftliche Teilhabe und wirtschaftlicher Erfolg.

In der Nachfolge derer, die die eigene deutsche Geschichte bis heute nicht bewältigt haben, ist nur Alice Schwarzer und der Feminismus in der Lage übergreifende, verbindende Wege in der Gesellschaft zu beschreiten und beispielsweise die Fragen der Jugendlichen zu beantworten.

Ich will hier Alice Schwarzer meine Sympathie ausdrücken und damit bereits selbst ein Stück Gesellschaft leben und will mich nicht scheuen Weltbürgerin zu sein und das in meiner Umgebung, in Deutschland und in der Welt als Feministin gestalten. Ich bin stolz, eine Feministin zu sein.

Ute Voigt, 2007

 

 
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